Das Ende einer Ära
Westend. Mit Juwelier Ehlers schließt in vier Wochen eine der traditionsreichsten inhabergeführten Waller Geschäftsadressen ihre Türen. Die Gründe sind dieselben, die auch dem stationären Einzelhandel in vielen anderen Branchen zu schaffen machen: Die Zeiten haben sich geändert. Es wird nicht unbedingt weniger konsumiert, aber anders. Für Axel und Ilona Thierfelder war es eine Vernunftentscheidung, die sich die beiden nicht leicht gemacht haben. „Es ist eine sehr emotionale Zeit für uns“, erklärt Ilona Thierfelder. „Juwelier Ehlers war in Walle eine Institution. Das gibt man nicht so einfach auf.“
Die Frist bis zum 18. Juni wird an den Schaufenstern in großen Lettern angekündigt. Die Werkstatt ist aufgelöst, das ging ganz schnell, erzählt Axel Thierfelder. Überaus interessiert am „guten alten Handwerkszeug“ waren junge Goldschmiede. Über den großen Deko-Fundus freuten sich Kindergartengruppen und Schulklassen aus dem Stadtteil, die sich aussuchen durften, was sie für kreative Projekte gebrauchen könnten. Die Ware selbst war ohnehin schon rabattiert.
Vor vier Jahren hatte das Juweliergeschäft an der Wartburgstraße sein Sortiment komplett auf Schmuck aus zweiter Hand umgestellt, der vor Ort geprüft, aufgearbeitet und weit unter Versicherungswert angeboten wird. Am schwierigsten sei es gewesen, die beiden Mitarbeiterinnen von der Geschäftsaufgabe zu informieren. „Das war für uns sehr hart“, gesteht Axel Thierfelder. Doch zum Glück habe sich alles zum Guten gewendet. Die eine Kollegin werde ihren Ruhestand antreten, die andere habe bereits eine neue Stelle in derselben Branche gefunden. Die große Collage aus Fotos und Texten, die die beiden liebevoll für ihre langjährigen Chefs angefertigt haben, beweist: Man wird sich in guter Erinnerung behalten.
Der Name des Unternehmens geht auf Gerda und Georg Ehlers zurück, die sich im Jahr 1954 mit „Uhren-Ehlers“ in einem einstöckigen Barackenbau an der Utbremer Straße 134 selbstständig machten. 1958 bezog das Uhrmacher-Ehepaar aus Schwerin den Neubau an der Wartburgstraße 44 und erweiterte das Sortiment um Schmuck und Silberwaren. 1969 wurde das Geschäft um die benachbarten Geschäftsräume der Hausnummer 46 vergrößert.
Im Jahr 1965 war ein junger Uhrmachermeister namens Rudolf Thierfelder eingestellt worden. Nach dem frühen Tod von Georg Ehlers im Jahr 1975 wurde er zum Kompagnon. „Damals kamen morgens ein Dutzend Leute zur Arbeit“, erinnert sich Sohn Axel: „Fünf Goldschmiede, drei Uhrmacher und vier Verkäuferinnen. Da war es besser, die Geschäftsführung auf vier Schultern zu verteilen.“
Damals – das waren auch die Zeiten, in denen man sich sogar im Arbeiterstadtteil für Bälle, Theater- oder Opernbesuch schmückte, als Schmuck das klassische Geschenk zu jedem Lebensereignis war, Erinnerungen, die lebenslang wertgeschätzt wurden. Es sind oft genau diese Stücke, die heute den Thierfelders angeboten werden. „Sie wurden mit Liebe gekauft, werden aber schon lange nicht mehr getragen“, sagt Axel Thierfelder. Produkte wie Manschettenknöpfe, Broschen oder Perlenketten „wirst du heute kaum noch los“, sagt er. Selbst Armbänder und -reifen seien schwer verkäuflich. „Sie stören bei der Arbeit am Computer.“
Nicht, dass der Menschheit die Liebe zu Edelmetallen und kostbaren Steinen abhandengekommen sei. Der Schmuckmarkt durchlaufe vielmehr eine „Phase tiefgreifender Transformationen“, erklärte das Wirtschaftsmagazin Investmentweek vor einigen Monaten. Im Luxussegment sei der Kundschaft fast nichts zu teuer. Anders sehe es im mittleren und unteren Preissegment aus. „Die gute Mitte ist weggebrochen“, bestätigt Axel Thierfelder. „Genau das, wofür wir stehen.“ Zudem spiele auch im Schmuckbereich der Online-Handel eine immer größere Rolle, erklärt der Mann, der nach seiner Lehrzeit in Süddeutschland ins väterliche Unternehmen eintrat und die Geschäfte seit 1998 gemeinsam mit seiner Ehefrau führt.
„Eigentlich“, sagt Goldschmiedemeister, „hätten wir schon vor zehn Jahren einpacken können“ – hätte er sich neben dem Verkauf, der Anfertigung und Reparatur von Schmuck nicht längst ein weiteres Tätigkeitsfeld angeeignet. Thierfelder, Gemmologe und Diamantgutachter wie sein Vater, ist seit 20 Jahren Bremens öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger im Gold- und Silberschmiedehandwerk – einer von nur 35 Fachleuten dieser Art in der gesamten Republik. Er wird immer dann um seine unabhängige Expertise gebeten, wenn Kripo, Zoll, Staatsanwaltschaft oder auch Finanz- und Fundämter es ganz genau wissen müssen. Dann prüft der Fachmann mit Lupe, speziellen Verfahren und jeder Menge Expertenwissen Schmuck aus Gold, Edelsteinen und Perlen auf Echtheit und Wert.
Auch Privatleute nehmen seine Dienste in Anspruch. Sehr oft gehe es dabei um Erbschaften, die unter den Familienmitgliedern verteilt werden wollen, erzählt Thierfelder, der als Schmuckexperte auch beliebter Ansprechpartner für bundesweite TV- oder Radiosender ist. Auf die Gutachtertätigkeit, die in den vergangenen Jahren ohnehin immer mehr seiner Zeit beanspruchte, will er sich nun konzentrieren. Zum 1. Oktober wird er sein Büro an der Parkallee eröffnen, für Terminabsprachen wird er über alle bislang bekannten Kontaktdaten erreichbar bleiben.
Mit allem, was bei einer Geschäftsauflösung und einem Auszug zu erledigen ist, hat das Paar nun noch genug zu tun. Der Abschied soll ohne Tamtam und nur im kleinen Mitarbeiterkreis verlaufen. „Wenn wir die Türen zum letzten Mal schließen, wird das ein bewegender Moment sein“, weiß Ilona Thierfelder. „Wir hatten hier eine wirklich tolle Zeit.“
Dem neuen Eigentümer übergeben die beiden ein gepflegtes Wohn- und Geschäftshaus in prominenter Waller Lage mit einer sehr gut gesicherten 200 Quadratmeter großen Ladenfläche. Für Walle wünschen sie sich, dass hinter die 14 Meter lange Schaufensterfront möglichst schnell ansprechendes Leben ziehen möge. „Wenn alte Bäume fallen, hinterlässt das immer eine große Lücke“, sagt Axel Thierfelder. „Aber dort können auch wieder junge neue Pflänzchen entstehen.“
Quelle: Weser Kurier 21. Mai 2026